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Die Qual der Wahl: Warum das richtige Gebiss so entscheidend ist
Stehst du auch manchmal vor der riesigen Gebisswand im Reitsportgeschäft und fühlst dich erschlagen? Hunderte Modelle, unzählige Materialien und Formen – von der einfachen Wassertrense bis zur komplexen Kandare. Da den Überblick zu behalten, ist eine echte Herausforderung. Viele Reiter greifen aus Gewohnheit oder Empfehlung zu einem bestimmten Modell, ohne die genaue Wirkungsweise zu verstehen. Doch die Wahl des Gebisses ist weit mehr als eine Geschmacksfrage. Sie ist ein entscheidender Baustein für eine feine und pferdegerechte Kommunikation.
Ein unpassendes Gebiss kann nicht nur zu Unbehagen, Schmerzen und Abwehrreaktionen bei deinem Pferd führen, sondern auch die gesamte Ausbildung negativ beeinflussen. Ein Pferd, das sich mit dem Gebiss im Maul unwohl fühlt, kann sich nicht loslassen, den Rücken aufwölben oder vertrauensvoll an die Hand herantreten. Stattdessen siehst du vielleicht Kopfschlagen, ein sperrendes Maul oder ein Pferd, das sich auf das Gebiss legt. Ein passendes Gebiss hingegen ist ein stiller Vermittler, der deine Zügelhilfen präzise und sanft überträgt und deinem Pferd erlaubt, zufrieden zu kauen und losgelassen zu arbeiten. Es ist die Grundlage für Durchlässigkeit und Harmonie.
In diesem Ratgeber nehmen wir dich an die Hand und bringen Licht ins Dunkel des Gebiss-Dschungels. Wir erklären dir die grundlegende Anatomie des Pferdemauls, die verschiedenen Wirkungsweisen der gängigsten Gebissarten und worauf du bei der Auswahl von Größe, Material und Form achten musst. Unser Ziel ist es, dir das Wissen zu vermitteln, damit du eine fundierte Entscheidung für dich und deinen vierbeinigen Partner treffen kannst.
Die Grundlagen: Wie ein Gebiss im Pferdemaul wirkt
Um zu verstehen, warum ein Gebiss so oder so wirkt, müssen wir uns zuerst das Pferdemaul genauer ansehen. Die landläufige Meinung, ein Gebiss würde zwischen den Zähnen liegen, ist nur die halbe Wahrheit. Die eigentliche „Arbeitsfläche“ für ein Trensengebiss ist ein sehr sensibler Bereich, der für eine feine Kommunikation wie geschaffen ist – wenn man ihn richtig nutzt.
Anatomie des Pferdemauls: Zunge, Laden und Gaumen
Das Gebiss wird in der zahnfreien Lücke des Unterkiefers platziert, den sogenannten Laden. Dies sind die Bereiche des Kieferknochens zwischen den vorderen Schneidezähnen und den hinteren Backenzähnen, die nur von einer dünnen, empfindlichen Schleimhautschicht bedeckt sind. Hier ist also Vorsicht geboten, denn zu viel Druck kann schnell unangenehm oder sogar schmerzhaft sein.
Der wichtigste „Puffer“ im Pferdemaul ist die Zunge. Sie ist ein großer, kräftiger Muskel, der den größten Teil des Maulraums ausfüllt. Ein Gebiss liegt niemals direkt auf den Laden, sondern immer auf der Zunge. Sie fängt einen Großteil des Drucks ab und verteilt ihn. Je nach Form des Gebisses wird der Druck mal mehr mittig, mal mehr auf die Zungenränder geleitet. Auch der Gaumen, also das „Dach“ der Maulhöhle, kann bei bestimmten Gebisstypen und starkem Zügelanzug potenziell Druck abbekommen, was es zu vermeiden gilt.
Die drei Haupt-Wirkungspunkte: Zunge, Laden, Maulwinkel
Jede Zügelhilfe, die du gibst, wird über das Gebiss auf drei Hauptpunkte im und am Pferdemaul übertragen:
- Die Zunge: Sie ist der primäre Einwirkungspunkt. Je nach Gebissform (gebrochen oder Stange) wird der Druck unterschiedlich verteilt. Die Zunge ist sehr sensibel und gibt dem Pferd wichtige Informationen.
- Die Laden: Nimmt der Reiter die Zügel an, wird das Gebiss je nach Winkel und Stärke auch auf die Laden gedrückt. Da hier der Knochen direkt unter der Schleimhaut liegt, ist dies ein sehr direkter und potenziell scharfer Einwirkungspunkt.
- Die Maulwinkel: Hier liegt das Gebiss seitlich an. Ein zu kleines Gebiss kann die Maulwinkel einklemmen und wund scheuern. Die Seitenteile des Gebisses (Ringe, Olivenkopf etc.) haben zudem eine seitwärtsweisende Wirkung und begrenzen den Kopf.
Zusätzlich können bei Gebissen mit Hebelwirkung (z.B. Kandare oder Pelham) noch Druckpunkte am Genick (über das Kopfstück) und am Unterkiefer (über die Kinnkette) hinzukommen. Die Kunst der feinen Reiterei besteht darin, diese Druckpunkte so gezielt und minimal wie möglich einzusetzen, um eine klare, aber sanfte Verständigung zu erreichen.
Der Mythos vom „Nussknacker-Effekt“
Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass ein einfach gebrochenes Gebiss bei beidseitigem Zügelanzug wie ein Nussknacker zusammenklappt und schmerzhaft gegen den Gaumen des Pferdes drückt. Diese Theorie sorgte bei vielen Reitern für Verunsicherung und führte zu einer pauschalen Ablehnung dieses Gebisstyps. Doch was ist dran an diesem Mythos?
Wissenschaftliche Untersuchungen, unter anderem an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, konnten diesen Nussknacker-Effekt in der Praxis nicht bestätigen. Der Grund ist einfach: Die Zunge des Pferdes füllt das Maul fast vollständig aus und wirkt als massives Polster. Wenn der Reiter die Zügel annimmt, drückt sich das Gelenk des Gebisses in die Zunge, aber es klappt nicht so weit nach oben, dass es den Gaumen berührt. Das Pferd kann durch Anheben der Zunge den Winkel des Gebisses sogar selbst beeinflussen und den Druck regulieren. Das bedeutet nicht, dass ein einfach gebrochenes Gebiss immer die beste Wahl ist, aber die pauschale Verteufelung aufgrund des angeblichen Nussknacker-Effekts ist aus heutiger Sicht nicht haltbar.
Die richtige Größe und Passform: Das A und O für ein zufriedenes Pferd
Das teuerste und anatomisch geformteste Gebiss nützt nichts, wenn es nicht passt. Eine falsche Größe oder eine unkorrekte Verschnallung sind die häufigsten Ursachen für Probleme mit der Anlehnung. Ein zu großes Gebiss rutscht im Maul hin und her, ein zu kleines kneift die Maulwinkel ein, und ein zu dickes Gebiss kann enormen Druck verursachen. Die korrekte Passform ist daher unerlässlich.
Gebissweite richtig ausmessen: So geht's
Die Gebissweite bezeichnet die Länge des Mundstücks zwischen den Seitenteilen. Sie muss exakt zur Breite des Pferdemauls passen. Ein zu schmales Gebiss zwickt die Lefzen ein und verursacht schmerzhafte Druckstellen. Ein zu weites Gebiss hat zu viel Spiel, liegt unruhig und kann durchs Maul gezogen werden, was zu einer schwammigen und unpräzisen Einwirkung führt.
So misst du die Weite korrekt:
- Mit einem Gebissweitenmesser: Das ist die einfachste und genaueste Methode. Diese speziellen Lineale aus Kunststoff werden wie ein Gebiss ins Maul gelegt und man kann die exakte Weite ablesen.
- Mit einer Kordel: Lege eine glatte, nicht dehnbare Kordel durch das Maul deines Pferdes an die Stelle, wo das Gebiss liegen würde. Markiere die Punkte direkt an den Maulwinkeln mit den Fingern oder einem Stift. Anschließend misst du den Abstand zwischen den Markierungen mit einem Zollstock.
- Mit einem vorhandenen, gut passenden Gebiss: Wenn du bereits ein Gebiss hast, das perfekt passt, kannst du einfach dessen Mundstück (Innenkante Ring zu Innenkante Ring) ausmessen.
Als Faustregel gilt: Bei Gebissen mit festen Seitenteilen (z.B. Olivenkopf-, D-Ring- oder Schenkeltrensen) sollte das Gebiss möglichst passgenau an den Maulwinkeln anliegen, ohne diese einzuklemmen. Bei Gebissen mit durchlaufenden Ringen (Wassertrensen) sollte auf jeder Seite maximal ein halber Zentimeter (5 mm) Platz zwischen Maulwinkel und Gebissring sein. Dieser kleine Spielraum verhindert, dass die empfindliche Haut der Maulwinkel im Ring eingeklemmt wird.
Gebissstärke bestimmen: Der 2-Finger-Test
Die Gebissstärke, also die Dicke des Mundstücks, ist ein weiterer entscheidender Faktor. Lange galt der Grundsatz „je dicker, desto weicher“. Das ist jedoch ein Trugschluss. Ein zu dickes Gebiss kann in einem zierlichen Pferdemaul mit fleischiger Zunge und niedrigem Gaumen enormen Druck auf Zunge und Laden ausüben, weil schlichtweg der Platz fehlt. Das Pferd kann das Maul nicht mehr entspannt schließen und fühlt sich permanent gestört.
Mit dem einfachen 2-Finger-Test kannst du herausfinden, wie viel Platz im Maul deines Pferdes ist: Lege deinen Zeige- und Mittelfinger übereinander an der Stelle in die zahnfreie Lade, wo das Gebiss liegt. Kann das Pferd sein Maul noch entspannt schließen, ohne auf deinen Fingern zu kauen, ist in der Regel genügend Platz für ein Standardgebiss (16-18 mm) vorhanden. Spürst du jedoch starken Druck oder dein Pferd sperrt das Maul auf, deutet das auf wenig Platz hin. In diesem Fall sind dünnere Gebisse mit einer Stärke von 14-16 mm oft die bessere Wahl.
Korrekte Verschnallung im Zaumzeug
Auch die Höhe der Verschnallung ist wichtig. Das Gebiss sollte so im Zaumzeug eingeschnallt werden, dass sich am Maulwinkel ein bis zwei kleine Falten bilden. Hängt das Gebiss zu tief, schlägt es gegen die Zähne und liegt unruhig. Ist es zu hoch verschnallt, erzeugt es permanenten Druck auf die Maulwinkel und kann diese wund scheuern.
Achte auch auf den Nasen- und Sperrriemen. Ein zu eng verschnallter Nasenriemen hindert das Pferd daran, durch Kauen und leichte Zungenbewegung auf die Gebisseinwirkung zu reagieren. Die FN-Richtlinie besagt, dass zwei aufgestellte Finger zwischen Nasenrücken und Nasenriemen passen müssen. Ein Sperrriemen soll lediglich verhindern, dass das Pferd das Maul aufsperrt, um sich dem Gebiss zu entziehen – er darf aber niemals dazu dienen, das Maul zuzuschnüren.
Gebissarten im Überblick: Von einfach gebrochen bis zur Stange
Die grundlegendste Unterscheidung bei Gebissen erfolgt nach der Art des Mundstücks: einfach gebrochen, doppelt gebrochen oder ungebrochen (Stange). Jede dieser Formen hat eine spezifische Wirkungsweise, die sie für bestimmte Pferde und Ausbildungsziele mehr oder weniger geeignet macht.
| Gebissart | Wirkungsschwerpunkt | Vorteile | Nachteile / Zu beachten |
|---|---|---|---|
| Einfach gebrochen | Zungenränder, Laden | Klare, seitliche Einwirkung möglich; viele Pferde akzeptieren es gut. | Kann bei unruhiger Hand oder falscher Größe auf die Laden drücken. |
| Doppelt gebrochen | Breitflächig auf der Zungenmitte | Gilt als maulfreundlich, da sich der Druck besser verteilt; kein Gaumendruck. | Einwirkung ist weniger direkt als bei einer Stange. |
| Stangengebiss | Gleichmäßig über die gesamte Zungenbreite | Sehr ruhige Lage im Maul, gleichmäßige Druckverteilung. | Keine einseitige Zügeleinwirkung möglich; erfordert eine sehr ruhige und erfahrene Reiterhand. |
Einfach gebrochene Gebisse: Der Klassiker mit Tücken?
Das einfach gebrochene Gebiss ist der absolute Klassiker und in fast jeder Sattelkammer zu finden. Es besteht aus zwei Schenkeln, die durch ein Gelenk in der Mitte verbunden sind. Nimmt der Reiter die Zügel an, winkeln sich die Schenkel an und der Druck wirkt primär auf die Zungenränder und die Laden. Einseitige Zügelhilfen, zum Beispiel zum Abwenden, können sehr präzise gegeben werden, da sich der jeweilige Schenkel gezielt bewegt.
Wie bereits erwähnt, ist der gefürchtete „Nussknacker-Effekt“ am Gaumen eher ein Mythos. Dennoch kann bei sehr hartem oder beidseitigem Zügelzug das Gelenk in die Zungenmitte drücken. Pferde mit einer sehr flachen, dünnen Zunge könnten dies als unangenehm empfinden. Für die meisten Pferde ist ein gut passendes, einfach gebrochenes Gebiss jedoch ein bewährtes und faires Kommunikationsmittel, besonders wenn es darum geht, ein Pferd seitlich zu biegen und zu stellen.
Doppelt gebrochene Gebisse: Sanfte Allrounder?
Doppelt gebrochene Gebisse verfügen über drei Teile: zwei Schenkel und ein verkürztes, oft olivenförmiges oder flaches Mittelstück. Diese Konstruktion sorgt dafür, dass sich das Gebiss bei Zügelanzug besser an die Form der Pferdezunge anpasst. Der Druck wird großflächiger über die Zungenmitte und die Zungenränder verteilt, was von den meisten Pferden als angenehmer empfunden wird. Die Einwirkung auf die Laden ist im Vergleich zum einfach gebrochenen Gebiss geringer.
Aufgrund dieser sanften Druckverteilung gelten doppelt gebrochene Gebisse als besonders maulfreundlich und sind eine hervorragende Wahl für sensible Pferde oder für die Ausbildung junger Pferde. Sie fördern die Kautätigkeit und die Losgelassenheit. Ein bekanntes Beispiel ist das SPRENGER Turnado Gebiss, das oft mit einer Standardstärke von 16 mm angeboten wird und dessen Mittelstück speziell gewinkelt ist, um den Druck noch gleichmäßiger zu verteilen.
Stangengebisse: Gleichmäßige Druckverteilung oder scharf?
Stangengebisse sind ungebrochen und bestehen aus einem durchgehenden Mundstück. Dieses kann gerade oder mit einer leichten Wölbung (Zungenfreiheit) geformt sein. Der größte Vorteil einer Stange ist die absolut ruhige Lage im Maul und die sehr gleichmäßige Verteilung des Drucks über die gesamte Zungenbreite. Es gibt keine punktuelle Belastung durch Gelenke.
Allerdings hat diese Konstruktion auch eine entscheidende Besonderheit: Eine einseitige Zügelhilfe ist nicht möglich. Zieht man am linken Zügel, kippt die Stange und wirkt auch auf der rechten Seite des Mauls. Stangengebisse eignen sich daher nur für Pferde, die bereits gut ausbalanciert sind und geradeausgerichtet an den Hilfen stehen. Sie erfordern eine sehr ruhige, gefühlvolle und beidhändig unabhängige Reiterhand. In den falschen Händen kann eine Stange schnell zu einem starren, unnachgiebigen Werkzeug werden. Sie wird oft im Westernreiten, beim Fahren und in der Islandpferdereiterei eingesetzt.
Die Seitenteile: Mehr als nur Ringe
Neben dem Mundstück ist die Art der Seitenteile entscheidend für die Wirkung und die Lage des Gebisses im Maul. Sie beeinflussen die seitliche Führung, die Ruhe im Maul und können sogar eine leichte Hebel- oder Aufrichtewirkung haben.
Wassertrensen (lose Ringe): Für eine ruhige Hand?
Die Wassertrense ist durch ihre frei durchlaufenden Ringe gekennzeichnet. Diese Beweglichkeit hat Vor- und Nachteile. Einerseits kann sie eine etwas unruhige Reiterhand leicht abmildern, da die Bewegung nicht 1:1 auf das Mundstück übertragen wird. Das Pferd hat zudem die Möglichkeit, das Gebiss durch die Zungenaktivität leicht anzuheben und die Position minimal zu verändern, was viele Pferde als angenehm empfinden.
Andererseits kann diese Beweglichkeit bei Pferden mit sehr empfindlichen oder fleischigen Maulwinkeln zum Einklemmen der Haut führen. Hier ist die korrekte Größe (ca. 0,5 cm Überstand pro Seite) besonders wichtig. Eine unruhige Lage im Maul kann manche Pferde auch zum Spielen und Zungestrecken animieren. Die APPLE MOUTH Wassertrense ist ein Beispiel für eine Wassertrense aus Kunststoff, die oft mit einer dickeren Stärke von 19 mm angeboten wird, um den Druck weicher zu verteilen.
Olivenkopf- & D-Ring-Gebisse: Stabilität und seitliche Führung
Bei Olivenkopf- und D-Ring-Gebissen sind die Ringe fest mit dem Mundstück verbunden. Die Übergänge sind nahtlos und abgerundet, was ein Einklemmen der Maulwinkel verhindert. Diese Gebisse liegen dadurch deutlich ruhiger und stabiler im Maul als Wassertrensen. Diese Ruhe wird von vielen Pferden, insbesondere von sensiblen oder nervösen Tieren, sehr geschätzt.
Zusätzlich bieten die festen Seitenteile eine bessere seitliche Führung. Das Gebiss kann nicht so leicht durchs Maul gezogen werden, was dem Pferd einen klaren Rahmen gibt. Das ist besonders hilfreich bei jungen Pferden in der Ausbildung oder bei Pferden, die dazu neigen, über die äußere Schulter auszubrechen. Sie sind eine exzellente Wahl für Reiter, die eine ruhige Anlehnung und eine klare, seitliche Begrenzung suchen.
Schenkeltrensen (Knebeltrensen): Die sanfte Begrenzung
Die Schenkeltrense, auch Knebeltrense genannt, ist eine Weiterentwicklung des D-Ring-Gebisses. Sie besitzt lange, gerade oder gebogene Schenkel, die nach oben und unten über die Ringe hinausragen. Diese Schenkel liegen seitlich am Pferdemaul an und bieten eine sehr deutliche seitliche Begrenzung, ohne dabei scharf zu wirken. Ein Durchrutschen des Gebisses durchs Maul ist hier quasi unmöglich.
Diese Eigenschaft macht sie ideal für die Ausbildung junger Pferde, beim Longieren oder für Pferde, die Schwierigkeiten mit der Stellung und Biegung haben. Die Schenkel helfen dem Pferd, die seitwärtsweisende Hilfe zu verstehen und den Weg in die Wendung zu finden. Für eine korrekte Anwendung werden oft kleine Lederschlaufen (Fulmer-Schlaufen) verwendet, um die oberen Schenkel am Backenstück zu fixieren und eine zu starke Hebelwirkung zu vermeiden.
Baucher-Gebisse: Ruhige Lage und Aufrichtungshilfe?
Das Baucher-Gebiss (auch Fillis-Trense) ist ein besonderes Gebiss mit festen Seitenteilen. Es hat einen kleinen, oberen Ring zur Befestigung am Backenstück und einen größeren Ring für den Zügel. Durch diese Aufhängung „hängt“ das Mundstück im Maul und liegt dadurch extrem ruhig und stabil auf der Zunge, ohne nach unten durchzusacken. Dies wird von Pferden mit unruhigen Mäulern oft sehr gut angenommen.
Oft wird dem Baucher-Gebiss eine leichte aufrichtende Wirkung nachgesagt, da bei Zügelanzug ein minimaler Druck auf das Genick entstehen kann. Dieser Effekt ist jedoch sehr gering und nicht mit der Hebelwirkung einer Kandare vergleichbar. Es ist eher die ruhige Lage, die Pferde dazu veranlasst, den Hals leichter fallen zu lassen und an das Gebiss heranzutreten. Eine Variante wie das Turnado Baucher Gebiss mit einer Materialstärke von 14 mm ist besonders für Pferde mit wenig Platz im Maul geeignet.
Spezialgebisse und ihre Wirkung: Kandare, Pelham & Co.
Neben den gängigen Trensengebissen gibt es eine Reihe von Spezialgebissen, die für bestimmte Disziplinen oder zur Korrektur eingesetzt werden. Diese Gebisse haben oft eine Hebelwirkung und gehören ausschließlich in erfahrene und feinfühlige Reiterhände.
Die Dressurkandare: Feinste Hilfengebung für Fortgeschrittene
Die Kandarenzäumung, wie sie in höheren Dressurklassen vorgeschrieben ist, besteht aus zwei Gebissen: einer dünnen Unterlegtrense (meist doppelt oder einfach gebrochen) und dem Kandarengebiss (einer Stange mit seitlichen Anzügen/Bäumen). Die Unterlegtrense wirkt wie eine normale Trense, während die Kandare über die Anzüge eine Hebelwirkung entfaltet. Bei Zügelanzug wirkt sie auf Zunge und Laden, über die Kinnkette auf den Unterkiefer und über das Kopfstück auf das Genick.
Das Ziel ist nicht, das Pferd mit Kraft zu kontrollieren, sondern die Hilfen zu verfeinern. Ein auf Kandare gerittenes Pferd sollte bereits versammlungsbereit sein und auf feinste Hilfen reagieren. Die Hebelwirkung setzt optimal ein, wenn der Winkel zwischen Maulspalte und unterem Ende des Anzugs etwa 45 Grad beträgt. Die korrekte Anpassung von Kandare, Unterlegtrense und Kinnkette ist eine Wissenschaft für sich und sollte von einem Experten begleitet werden. Ein komplettes Kandaren-Set kann preislich, je nach Material und Marke, bei etwa 109,00 € und deutlich darüber liegen.
Pelham und Kimblewick: Hebelwirkung für mehr Kontrolle
Das Pelham und das Kimblewick (oder Springkandare) sind Gebisse, die die Wirkung von Trense und Kandare in einem einzigen Mundstück vereinen. Sie besitzen ebenfalls seitliche Anzüge und werden mit einer Kinnkette oder einem Kinnriemen verwendet, um eine Hebelwirkung zu erzeugen. Sie werden häufig im Springsport oder im Gelände bei sehr starken, heißen Pferden eingesetzt, um dem Reiter bei Bedarf mehr Einwirkung zu ermöglichen.
Ein Pelham hat zwei Ringe pro Seite, sodass man mit zwei Zügeln (einer für die Trensenwirkung, einer für die Hebelwirkung) oder mit einem Verbindungsriemen (Pelhamriemen) und einem Zügel reiten kann. Das Kimblewick hat D-förmige Ringe mit verschiedenen Schlitzen, um die Stärke der Hebelwirkung durch die Position des Zügels zu variieren. Beide Gebisse sind schärfer als eine normale Trense und erfordern viel Erfahrung und eine sehr bewusste Zügelführung.
Fahrgebisse: Spezielle Anforderungen im Gespann
Fahrgebisse sind fast immer als Stangengebisse mit Hebelwirkung konzipiert. Da der Fahrer keine Schenkelhilfen hat und die Leinenführung über eine weite Distanz erfolgt, ist eine klare und unmissverständliche Einwirkung über das Gebiss entscheidend. Fahrkandaren haben oft mehrere Verschnallmöglichkeiten für die Leinen an den seitlichen Bäumen, um die Intensität der Hebelwirkung an das Pferd, die Anspannungsart und die Situation anzupassen.
Die Auswahl des richtigen Fahrgebisses ist komplex und hängt von vielen Faktoren ab, einschließlich des Temperaments der Pferde und der Erfahrung des Fahrers. Hier ist die Beratung durch einen erfahrenen Fahrlehrer unerlässlich, um die Sicherheit für Pferd und Mensch zu gewährleisten.
Materialkunde: Welches Material für welches Pferd?
Das Material eines Gebisses hat einen großen Einfluss darauf, wie ein Pferd es annimmt. Es beeinflusst den Geschmack, die Temperatur und die Kautätigkeit. Zudem können manche Pferde allergisch auf bestimmte Metalle reagieren.
Edelstahl: Der robuste und pflegeleichte Standard
Edelstahl ist das am weitesten verbreitete Material für Gebisse. Es ist sehr langlebig, rostfrei, geschmacksneutral und leicht zu reinigen. Für die meisten Pferde ist Edelstahl eine unproblematische und gute Wahl. Es regt die Kautätigkeit nicht aktiv an, wird aber aufgrund seiner glatten und neutralen Eigenschaften gut akzeptiert. Es ist die solide Basis und oft die erste Wahl, wenn keine besonderen Probleme vorliegen.
Sensogan, Aurigan & Co.: Legierungen für die Kautätigkeit
Viele Hersteller, allen voran Sprenger, haben spezielle Legierungen entwickelt, um die Zufriedenheit und Kautätigkeit der Pferde zu fördern. Aurigan war der Vorreiter, eine Legierung aus Kupfer, Silizium und Zink. Der hohe Kupferanteil sorgt für eine gezielte Oxidation, die von Pferden als angenehm süßlich empfunden wird und die Speichelproduktion anregt. Ein Pferd, das kaut und speichelt, hat ein entspannteres Maul und ist losgelassener.
Sensogan ist die Weiterentwicklung und enthält neben Kupfer auch Mangan und Zink. Diese Zusammensetzung soll die Oxidation noch dosierter und gezielter steuern und die Kautätigkeit nachhaltig fördern. Mangan ist zudem ein wichtiges Spurenelement für den Muskelstoffwechsel. Diese Gebisse sind oft teurer, aber für Pferde, die wenig kauen oder sich im Maul festmachen, können sie eine deutliche Verbesserung bringen.
Kunststoff und Gummi: Weiche Alternativen mit Vor- und Nachteilen
Gebisse aus Kunststoff oder mit einer Gummibeschichtung sind weicher als Metallgebisse und verteilen den Druck großflächiger. Sie eignen sich gut für Pferde mit sehr empfindlichen Mäulern oder für solche, die kalte Metallgebisse ungern annehmen. Viele Kunststoffgebisse haben zudem einen Apfelgeschmack (z.B. „Apple Mouth“), um die Akzeptanz zu erhöhen.
Der Nachteil: Diese Materialien sind nicht so langlebig. Pferde, die stark auf dem Gebiss kauen, können die Oberfläche schnell beschädigen. Es entstehen scharfe Kanten oder Risse, die das Pferdemaul verletzen können. Man spricht vom „Radiergummi-Effekt“, bei dem das Material im Maul abgerieben wird. Eine regelmäßige und sehr gründliche Kontrolle auf Beschädigungen ist bei diesen Gebissen absolute Pflicht.
Allergien im Pferdemaul erkennen und vermeiden
Obwohl selten, können Pferde allergisch auf bestimmte Metalle, insbesondere auf Nickel, reagieren, das in vielen günstigeren Legierungen enthalten ist. Anzeichen für eine Kontaktallergie im Maul können Rötungen, kleine Bläschen, offene Stellen oder eine generelle Unruhe und Abwehrhaltung gegenüber dem Gebiss sein, die sich nicht anders erklären lässt.
Wenn du einen solchen Verdacht hast, solltest du zunächst den Tierarzt konsultieren, um andere Ursachen (Zahnprobleme, Herpes etc.) auszuschließen. Bestätigt sich der Verdacht, ist ein Wechsel auf ein garantiert nickelfreies Material wie Sensogan, reinen Edelstahl oder medizinisches Kunststoff die Lösung. Eine intakte Oberflächenbeschaffenheit ist entscheidend, um das Risiko von Verletzungen und Reaktionen im empfindlichen Maulraum zu minimieren.
Das passende Gebiss auswählen: Eine Checkliste für deine Entscheidung
Die Suche nach dem perfekten Gebiss ist ein Prozess. Es gibt nicht „das eine“ richtige Gebiss für alle. Die Wahl hängt immer von einer Kombination aus drei Faktoren ab: dem Reiter, dem Pferd und dem gemeinsamen Ziel. Unsere Checkliste hilft dir, die wichtigsten Punkte zu berücksichtigen.
Ausbildungsstand von Pferd und Reiter
Sei ehrlich zu dir selbst: Wie ruhig und unabhängig ist deine Hand? Ein Anfänger mit noch unruhigen Händen sollte ein Gebiss wählen, das kleine Fehler verzeiht, wie eine Wassertrense oder ein Olivenkopfgebiss. Scharfe Gebisse oder solche, die eine sehr präzise Führung erfordern (z.B. eine Stange), sind hier fehl am Platz. Umgekehrt kann ein erfahrener Reiter mit einem feineren Gebiss wie einer Kandare die Hilfengebung verfeinern.
Auch der Ausbildungsstand des Pferdes ist entscheidend. Ein junges Pferd, das erst lernen muss, die Zügelhilfen zu verstehen, profitiert von einem einfachen, stabil liegenden Gebiss wie einer doppelt gebrochenen Olivenkopftrense. Ein weit ausgebildetes Pferd kann je nach Disziplin und Anforderung auch mit spezielleren Gebissen geritten werden.
Anatomische Besonderheiten deines Pferdes
Jedes Pferdemaul ist anders. Nimm dir die Zeit, das Maul deines Pferdes genau zu betrachten. Hat es eine dicke, fleischige Zunge und wenig Platz im Maul? Dann sind dünnere Gebisse (z.B. 14-16 mm) oft die bessere Wahl. Hat es einen flachen Gaumen oder sehr empfindliche Laden? Dann könnte ein doppelt gebrochenes Gebiss oder eine anatomisch geformte Stange angenehmer sein als ein einfach gebrochenes Modell. Bei empfindlichen Maulwinkeln sind Olivenkopf- oder Schenkeltrensen oft die Rettung.
Die Reitweise und deine Ziele
Was möchtest du mit deinem Pferd erreichen? Für das entspannte Ausreiten im Gelände gelten andere Anforderungen als für das Training für eine L-Dressur. In vielen Prüfungen, insbesondere in der Dressur und im Fahren, gibt die Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) genau vor, welche Gebisse zugelassen sind. Informiere dich hier genau, wenn du Turnierambitionen hast. Im Springsport werden oft Gebisse mit etwas mehr Einwirkung (z.B. ein Pelham) für bessere Kontrolle im Parcours genutzt, während im Westernreiten nach der Grundausbildung oft auf Stangengebisse (Bits) umgestiegen wird.
Wann ist ein Gebisswechsel sinnvoll?
Ein Gebiss ist kein Allheilmittel für Rittigkeitsprobleme, die oft ihre Ursache in der Ausbildung, der Balance oder der Gesundheit haben. Dennoch gibt es klare Anzeichen, dass ein Gebisswechsel überdacht werden sollte:
- Dein Pferd sperrt permanent das Maul oder streckt die Zunge heraus.
- Es legt sich stark auf das Gebiss oder entzieht sich der Anlehnung komplett.
- Du beobachtest Kopfschlagen, Unruhe im Maul oder Zähneknirschen.
- Dein Pferd wehrt sich bereits beim Trensen.
- Trotz korrekten Reitens erreichst du keine konstante, zufriedene Anlehnung.
Bevor du jedoch ein neues Gebiss kaufst, lasse immer zuerst die Zähne von einem Spezialisten kontrollieren und überprüfe die Passform deines Sattels. Oft liegen die Ursachen für Rittigkeitsprobleme ganz woanders.
Pflege und Kontrolle: So bleibt dein Gebiss sicher und pferdefreundlich
Ein Gebiss ist ein Gebrauchsgegenstand, der täglich mit Speichel und Futterresten in Kontakt kommt. Die richtige Pflege ist nicht nur eine Frage der Hygiene, sondern auch der Sicherheit. Ein beschädigtes Gebiss kann zu einer echten Gefahr für dein Pferd werden.
Tägliche Reinigung und regelmäßige Inspektion
Mache es dir zur Routine, das Gebiss nach jedem Reiten gründlich mit klarem Wasser abzuspülen. So verhinderst du, dass angetrocknete Futterreste und Speichel zu einer Brutstätte für Bakterien werden oder das Material angreifen. Verwende keine scharfen Reinigungsmittel, da Rückstände das Pferdemaul reizen könnten.
Noch wichtiger ist die regelmäßige, genaue Inspektion. Nimm dir einmal pro Woche Zeit und überprüfe das Gebiss auf Herz und Nieren. Achte besonders auf die Gelenke: Sind sie leichtgängig oder haken sie? Untersuche die gesamte Oberfläche des Mundstücks auf scharfe Kanten, Risse oder tiefe Kratzer, die durch Kauen entstanden sein könnten. Dies gilt insbesondere für Kunststoff- und Gummigebisse. Auch die Ringe und Seitenteile müssen auf Verschleiß geprüft werden. Ein Gebiss, das kurz davor ist zu brechen, ist ein enormes Sicherheitsrisiko.
Anzeichen für ein unpassendes Gebiss erkennen
Dein Pferd kann dir nicht sagen, dass etwas drückt, aber es zeigt es dir durch sein Verhalten. Achte auf subtile und offensichtliche Signale, die auf ein Problem mit dem Gebiss hindeuten könnten. Dazu gehören nicht nur die bereits genannten Abwehrreaktionen beim Reiten, sondern auch körperliche Anzeichen.
Kontrolliere regelmäßig die Maulwinkel, die Laden und die Zunge deines Pferdes. Achte auf Druckstellen, Rötungen, Schwellungen oder gar offene Wunden. Manchmal sind es nur kleine, unscheinbare Stellen, die aber auf ein dauerhaftes Problem hindeuten. Ein unpassendes Gebiss ist nicht nur ein Komfortproblem – es untergräbt das Vertrauen zwischen dir und deinem Pferd. Die Zeit, die du in die Auswahl, Anpassung und Pflege des richtigen Gebisses investierst, ist eine der besten Investitionen in eine harmonische und faire Partnerschaft.
Wichtige Hinweise
Medizinischer Hinweis: Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Gesundheitsfragen immer einen qualifizierten Arzt. Ändern Sie niemals eigenständig Ihre Medikation oder Behandlung.
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