Lerne alles über Abkauübungen beim Pferd: Wie sie die Losgelassenheit, Kautätigkeit und Gebissakzeptanz fördern. Anleitung, Tipps und häufige Fehler.

Abkauübungen sind gymnastizierende Übungen für das Pferd, die darauf abzielen, die Kautätigkeit und den Speichelfluss anzuregen. Ziel ist die Entspannung der Kiefermuskulatur, des Zungenbeins und des Genicks. Eine lockere Kaumuskulatur führt zu einer besseren Durchlässigkeit, einer weicheren Anlehnung und fördert die Losgelassenheit des gesamten Pferdes. Es ist ein grundlegendes Element in der Ausbildung, um das Pferd an das Gebiss zu gewöhnen und eine korrekte, vertrauensvolle Verbindung zur Reiterhand herzustellen.
Die Übungen können auf verschiedene Weisen durchgeführt werden. Die häufigste Variante ist die Arbeit vom Boden aus, bei der der Mensch direkt am Pferdekopf steht und manuell die Maulwinkel oder die Zunge stimuliert. Eine weitere Variante ist die Durchführung im Sattel, bei der der Reiter durch feine, spielerische Zügelhilfen das Pferd zum Kauen animiert. Seltener werden spezielle Gebisse mit beweglichen Teilen oder bestimmte Materialien genutzt, um den Kau-Reflex auszulösen. Auch die Gabe eines Leckerlis vor dem Trensen kann als vorbereitende Maßnahme gesehen werden.
Da es sich primär um eine Übung handelt, ist das wichtigste 'Werkzeug' die gefühlvolle Hand des Menschen. Werden Gebisse zur Unterstützung genutzt, kommen oft Materialien zum Einsatz, die die Speichelproduktion anregen, wie zum Beispiel Kupfer, Aurigan, Sensogan oder Sweet Iron. Auch Ledergebisse können eine positive Wirkung haben. Die Qualität der Übung selbst bemisst sich an der Geduld, dem Timing und der Sanftheit der Ausführung. Es darf niemals Zwang oder Druck angewendet werden. Bei Gebissen sind glatte Oberflächen und eine pferdegerechte Form Qualitätsmerkmale.
Bei der Anwendung vom Boden aus stellt man sich seitlich an den Pferdekopf. Mit sauberen Fingern streicht man sanft über die Maulwinkel oder führt einen Finger vorsichtig in die zahnfreie Lade ein, um die Zunge leicht zu massieren. Sobald das Pferd zu kauen beginnt, wird die Stimulation beendet und das Pferd gelobt. Die Einheiten sollten kurz gehalten werden. Im Sattel erfolgt die Anregung durch ein leichtes 'Spielen' mit den Ringfingern an den Zügeln, was zu feinen Vibrationen am Gebiss führt. Wichtig ist das sofortige Nachgeben, sobald das Pferd mit Kauen und einem Lockern des Unterkiefers reagiert.
Die Übung selbst ist kostenlos. Möchte man ein Gebiss zur Unterstützung kaufen, variieren die Preise stark. Einfache Gebisse aus Sweet Iron oder Kupferlegierungen sind ab etwa 30 Euro erhältlich, während hochwertige Spezialgebisse aus Materialien wie Sensogan über 200 Euro kosten können. Beim Kauf sollte man auf die korrekte Größe, also Weite und Stärke, für das jeweilige Pferdemaul achten. Eine professionelle Beratung oder die Anleitung durch einen erfahrenen Ausbilder ist wertvoller als jedes spezielle Gebiss, da die korrekte Ausführung entscheidend ist.
Hygiene ist bei der direkten Arbeit am Maul essenziell. Die Hände sollten vor der Übung immer gründlich gewaschen sein. Verwendete Gebisse müssen nach jedem Gebrauch sorgfältig mit klarem Wasser abgespült werden, um Speichelreste und Futterpartikel zu entfernen. Die Lagerung sollte an einem sauberen und trockenen Ort erfolgen. Die Haltbarkeit der Übung ist ein Leben lang, da sie immer wieder zur Überprüfung der Losgelassenheit dient. Gebisse sollten regelmäßig auf scharfe Kanten oder übermäßigen Verschleiß kontrolliert werden.

Pferdeliebhaberin seit Kindertagen und Autorin auf pferdekumpel.de. Lisa vereint ihre langjährige Erfahrung als Reiterin und Pferdebesitzerin mit fundiertem Wissen über artgerechte Haltung, Pferdegesundheit und Reitsport. Als Fachautorin und passionierte Dressurreiterin liegt ihr Fokus auf praxisnaher Wissensvermittlung — von der richtigen Ausrüstung über Pferdeernährung bis hin zu Trainingstipps für Reiter aller Levels.
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Wenn du dich in der Welt der Pferdeausbildung bewegst, stößt du unweigerlich auf den Begriff „Losgelassenheit“. Er ist einer der zentralen Pfeiler in der Ausbildungsskala und die Grundlage für jede harmonische Zusammenarbeit zwischen Reiter und Pferd. Genau hier setzen Abkauübungen an. Sie sind weit mehr als nur ein Trick, bei dem das Pferd auf Kommando kaut. Abkauübungen sind gezielte gymnastizierende Lektionen, die darauf abzielen, die Kaumuskulatur zu lockern, den Speichelfluss anzuregen und dem Pferd beizubringen, sein Kiefergelenk auf feine Signale hin zu entspannen. Diese Entspannung im Maul ist der erste und vielleicht wichtigste Schritt zu einer Entspannung, die sich durch den gesamten Pferdekörper zieht. Stell dir eine Kette vor: Ein lockeres Kiefergelenk führt zu einem entspannten Genick, was wiederum einen lockeren Hals und einen schwingenden Rücken ermöglicht. Ohne diese grundlegende Bereitschaft des Pferdes, im Maul nachzugeben, wird jede weitere gymnastizierende Arbeit erschwert und führt oft zu Widerstand und Verspannungen. Die Übungen schaffen also die physische und mentale Voraussetzung für eine vertrauensvolle Anlehnung und eine reelle Durchlässigkeit.
Das primäre Ziel von Abkauübungen ist es, eine weiche und verständnisvolle Kommunikation über das Gebiss zu etablieren. Ein Pferd, das im Kiefer verspannt ist, klemmt gegen das Gebiss, legt sich darauf oder weicht ihm aus. Dies führt zu einem ständigen Kampf zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Abkauübungen lehren dein Pferd, auf sanften Druck nicht mit Gegendruck, sondern mit Entspannung und Nachgeben zu reagieren. Es lernt, dass das Gebiss kein Fremdkörper ist, den es bekämpfen muss, sondern ein Kommunikationsmittel, das bei korrekter Reaktion wieder weich wird. Diese positive Verknüpfung ist entscheidend für den Aufbau von Vertrauen. Biomechanisch betrachtet hat diese Entspannung weitreichende Folgen. Wie die moderne Faszienforschung zeigt, ist der gesamte Pferdekörper durch Faszienketten miteinander verbunden. Eine Verspannung im Kiefergelenk (Temporomandibulargelenk, TMJ) kann sich über diese Ketten bis in die Schulter, den Rücken und sogar die Hinterhand fortsetzen. Löst du also die Blockade im Kiefer, sendest du eine Welle der Entspannung durch den ganzen Körper, was die Bewegungsqualität und das Wohlbefinden deines Pferdes maßgeblich verbessert.
Es ist wichtig, Abkauübungen von dem natürlichen Kauen von Futter zu unterscheiden. Während das Zerkleinern von Heu oder Gras ebenfalls die Kaumuskulatur beansprucht, handelt es sich bei den hier besprochenen Übungen um eine konditionierte, bewusste Reaktion auf einen spezifischen Reiz. Du bringst deinem Pferd bei, auf ein feines Signal hin aktiv die Muskulatur rund um das Maul zu lockern. Dies ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die sowohl die körperliche als auch die geistige Flexibilität deines Pferdes schult. In vielen klassischen Reitweisen, wie beispielsweise der „École de Légèreté“ nach Philippe Karl, bilden diese Übungen („cession de mâchoire“ – das Nachgeben des Kiefers) das Fundament der gesamten Ausbildung. Sie verbessern nicht nur die Körperwahrnehmung des Pferdes, sondern auch seine Fähigkeit, die Hilfen des Reiters zu verarbeiten. Ein sichtbares Zeichen für eine erfolgreiche Abkauübung ist die vermehrte Speichelproduktion. Ein „nasses“ Maul ist oft ein Indikator für Entspannung und eine aktive, positive Auseinandersetzung mit dem Gebiss. Dieser Speichel erleichtert zudem das Gleiten des Gebisses und macht die Anlehnung noch angenehmer für das Pferd.
Um die tiefgreifende Wirkung von Abkauübungen vollständig zu verstehen, ist ein Blick auf die Anatomie des Pferdekopfes unerlässlich. Das zentrale Element ist hier das Kiefergelenk, in der Fachsprache als Temporomandibulargelenk (TMJ) bezeichnet. Dieses komplexe Gelenk verbindet den Unterkiefer (Mandibula) mit dem Schläfenbein des Schädels und ist für die Kaubewegungen verantwortlich. Anders als ein einfaches Scharniergelenk erlaubt das TMJ des Pferdes vielfältige Bewegungen: das Öffnen und Schließen des Mauls, seitliche Mahlbewegungen und sogar ein leichtes Vor- und Zurückgleiten des Unterkiefers. Verspannungen in der umliegenden Muskulatur, die durch unpassende Ausrüstung wie ein zu enges Reithalfter, Zahnprobleme oder eine harte Reiterhand verursacht werden können, schränken diese Beweglichkeit massiv ein. Ein blockiertes Kiefergelenk führt fast zwangsläufig zu einer Blockade im Genick, dem Übergang zwischen Kopf und Hals. Das Pferd kann den Kopf nicht mehr frei bewegen, hält sich im Genick fest und wird steif. Abkauübungen zielen darauf ab, genau diese Verspannungen zu lösen und die volle, geschmeidige Beweglichkeit des Kiefergelenks wiederherzustellen, was die Grundvoraussetzung für eine korrekte Stellung und Biegung ist.
Ein weiterer, oft unterschätzter Akteur im Zusammenspiel der Kräfte ist das Zungenbein, auch Hyoid genannt. Dieses filigrane Knochengebilde liegt zwischen den Unterkieferästen und dient als Aufhängung für die Zunge und den Kehlkopf. Was das Zungenbein so entscheidend für die Reiterei macht, ist seine muskuläre Verbindung zum Rest des Körpers. Über eine direkte Muskelkette (z.B. den Musculus sternohyoideus und omohyoideus) ist es mit dem Brustbein und sogar dem Schulterblatt verbunden. Das bedeutet: Jede Verspannung der Zunge, die sich unweigerlich auf das Zungenbein überträgt, hat direkte Auswirkungen auf die Bewegungsfreiheit der Vorhand. Ein Pferd, das die Zunge gegen das Gebiss drückt oder sie hochzieht, blockiert über diese Muskelverbindung seine Schultern und kann nicht mehr frei und raumgreifend ausschreiten. Abkauübungen, die eine lockere Zungenaktivität fördern, wirken sich also direkt auf die Mobilität des Zungenbeins aus. Sie lösen diese „Handbremse“ an der Vorhand und ermöglichen dem Pferd, den Rücken aufzuwölben und mit den Hinterbeinen aktiv unter den Schwerpunkt zu treten. Die Lockerung der Zunge ist somit kein isoliertes Ziel, sondern ein Schlüssel zur Aktivierung der gesamten Bewegungskette.
Die weitreichendste Erklärung für die Ganzkörperwirkung von Abkauübungen liefert das Konzept der Faszienketten. Faszien sind das Bindegewebe, das wie ein Spinnennetz den gesamten Körper durchzieht und Muskeln, Knochen, Nerven und Organe umhüllt und verbindet. Diese Faszien sind nicht nur passive Hüllen, sondern bilden funktionelle Linien, die Spannungen über weite Strecken übertragen können. Eine wichtige Faszienlinie verläuft von der Kaumuskulatur über das Genick, den langen Rückenmuskel bis hinunter zum Becken und den Hinterbeinen. Wenn ein Pferd nun im Kiefer klemmt oder mit den Zähnen knirscht, entsteht in diesem Bereich eine hohe Spannung. Diese Spannung wird entlang der Faszienkette weitergeleitet und führt zu einem festen Rücken, einer eingeschränkten Hinterhandaktivität und einem allgemeinen Gefühl der Steifheit. Du kannst dir das wie einen zu straff gespannten Faden vorstellen, der die Beweglichkeit des gesamten Systems einschränkt. Indem du durch Abkauübungen gezielt die Spannung am Anfang dieser Kette – im Kiefer – löst, sendest du ein Entspannungssignal durch das gesamte Netzwerk. Dies erklärt, warum eine kleine, feine Übung am Kopf eine so enorme Verbesserung der Gangqualität und der Durchlässigkeit des gesamten Pferdes bewirken kann. Es ist keine Magie, sondern reine Biomechanik.
Bevor du mit der ersten Abkauübung beginnst, ist die richtige Vorbereitung entscheidend für den Erfolg. Suche dir einen ruhigen, vertrauten Ort, an dem dein Pferd nicht durch andere Pferde, laute Geräusche oder hektische Betriebsamkeit abgelenkt wird. Eine Stallgasse, ein leerer Putzplatz oder eine ruhige Ecke der Reithalle sind ideal. Dein Pferd sollte zunächst nur ein gut sitzendes Halfter tragen. Deine eigene innere Haltung ist ebenso wichtig: Sei geduldig, ruhig und positiv. Diese Übungen basieren auf Vertrauen und Finesse, nicht auf Druck oder Zwang. Wenn du gestresst oder ungeduldig bist, wird dein Pferd diese Anspannung spüren und selbst verspannen. Positioniere dich seitlich am Kopf deines Pferdes, etwa auf Höhe der Ganaschen, und schaue in die gleiche Richtung wie dein Pferd. Diese Position ist sicher und ermöglicht dir, die feinen Reaktionen im Maul, an den Lippen und in der Kiefermuskulatur deines Pferdes genau zu beobachten. Atme tief durch und beginne die Übung erst, wenn ihr beide entspannt seid. Das Ziel der ersten Einheiten ist nicht Perfektion, sondern eine positive erste Erfahrung und das Wecken der Neugier deines Pferdes.
Die grundlegendste Abkauübung wird manuell, also mit den Fingern, vom Boden aus durchgeführt. Sie bildet das Fundament für alles Weitere. Führe deine Hand ruhig zum Maul deines Pferdes. Mit ein oder zwei Fingern (Zeige- und Mittelfinger eignen sich gut) gleitest du sanft in den Maulwinkel, in die zahnfreie Lücke der Laden, wo später auch das Gebiss liegen würde. Dein Ziel ist es nun, die Zunge deines Pferdes sanft zu berühren und zu stimulieren. Vermeide es, zu stochern oder festen Druck auszuüben. Manche Ausbilder empfehlen, die Zunge leicht von unten zu massieren oder die Finger einfach nur ruhig auf der Zunge abzulegen. Die Idee ist, einen natürlichen Leck- und Kaureflex auszulösen. Die Reaktion deines Pferdes kann unterschiedlich ausfallen: Manche Pferde sind zunächst überrascht und versuchen vielleicht, den Kopf wegzudrehen. Bleibe ruhig und folge der Bewegung sanft. Andere beginnen fast sofort, neugierig an deinen Fingern zu lecken. Das ist bereits der erste Schritt. Aus dem Lecken entwickelt sich oft ein leichtes Bewegen des Unterkiefers und schließlich ein weiches, mahlendes Kauen bei geschlossenem oder nur leicht geöffnetem Maul. Genau das ist die gewünschte Reaktion.
Sobald dein Pferd auch nur den Ansatz einer Kaubewegung zeigt, ist dein Timing entscheidend. Lobe es sofort mit ruhiger Stimme („Fein“, „Gut so“) und ziehe deine Finger sanft aus dem Maul. Diese sofortige positive Verstärkung und das Beenden der Stimulation sind die Belohnung. Dein Pferd lernt: „Wenn ich diese Kaubewegung mache, ist das angenehm und der Reiz hört auf.“ Wiederhole diese Übung zwei- bis dreimal auf jeder Seite und beende die Lektion dann, solange sie noch gut funktioniert. Kurze, erfolgreiche Einheiten sind weitaus effektiver als langes, frustrierendes Herumprobieren. Achte auf die Zeichen der Entspannung: Herabsinken des Kopfes, ein leises Schnauben, weiche Augen und entspannte Lippen. Diese Übung dient nicht nur der Lockerung, sondern ist auch ein wunderbares Instrument, um die Beziehung zu deinem Pferd zu vertiefen und eine feine, nonverbale Kommunikation aufzubauen.
Nachdem dein Pferd das Prinzip der manuellen Stimulation verstanden hat und zuverlässig mit Kauen reagiert, kannst du den nächsten Schritt wagen und die Übung auf das Gebiss übertragen. Zäume dein Pferd wie gewohnt auf, achte aber besonders auf eine korrekte, nicht zu enge Verschnallung des Reithalfters. Stelle dich wieder seitlich neben den Pferdekopf. Nimm nun einen Zügel in die Hand, die dem Pferdemaul am nächsten ist. Fasse den Zügel relativ kurz, aber ohne bereits Zug aufzubauen. Nun imitiert deine Hand die feine Stimulation, die dein Pferd bereits kennt. Anstatt eines stetigen Zugs, spielst du ganz leicht mit dem Gebiss, indem du den Zügel minimal anhebst oder sanft mit den Fingern vibrierst. Die Bewegung sollte kaum sichtbar sein und nur wenige Gramm Druck erzeugen. Es ist eine Frage, keine Anweisung. „Kannst du bitte deinen Kiefer lockern?“ ist die Botschaft. Warte geduldig auf die Reaktion deines Pferdes. Da es das Konzept bereits kennt, wird es wahrscheinlich versuchen, die Spannung durch Kauen zu lösen. Sobald du die kleinste Kaubewegung spürst oder siehst, wie sich die Muskulatur am Unterkiefer entspannt, lässt du den Zügel sofort wieder komplett locker. Dieser Moment des sofortigen Nachgebens ist der wichtigste Teil der Lektion. Er ist die Bestätigung für dein Pferd, dass es die richtige Antwort gegeben hat. Wiederhole dies auf beiden Seiten, bis dein Pferd auf eine kaum spürbare Zügelhilfe hin mit einem weichen Abkauen reagiert. Dies ist die „Cession de mâchoire“ und der Schlüssel zu einer leichten und verständnisvollen Zügelverbindung.
Wenn dein Pferd das grundlegende Abkauen im Stand auf eine feine Zügelhilfe hin verstanden hat, kannst du die Übung um die seitliche Biegung im Genick erweitern. Diese Lektion, oft als „Stellung anfragen“ bezeichnet, ist die logische Fortsetzung und ein entscheidender Baustein für das Reiten von Wendungen und gebogenen Linien. Es geht hierbei ausdrücklich nicht darum, den Kopf des Pferdes mit Kraft zur Seite zu ziehen. Vielmehr bittest du um eine subtile, weiche Biegung in den obersten Halswirbeln, direkt hinter den Ohren. Beginne wie zuvor: Stelle dich neben dein Pferd, nimm einen Zügel auf und löse durch eine feine, vibrierende Hilfe die Kaubewegung aus. Sobald der Kiefer deines Pferdes weich wird, hältst du einen hauchzarten, stetigen Kontakt und führst die Hand ein winziges Stück zur Seite, als würdest du den Maulwinkel deines Pferdes sanft in Richtung seiner Schulter einladen. Das Ziel ist eine so minimale Biegung, dass du gerade eben das innere Auge und die Nüster deines Pferdes sehen kannst. Achte genau darauf, dass die Ohren deines Pferdes auf einer Höhe bleiben. Ein Abkippen des Kopfes, bei dem ein Ohr tiefer kommt als das andere, ist ein Zeichen von falscher Biegung und Verspannung im Genick. Sobald dein Pferd korrekt nachgibt und sich im Genick biegt, ohne sich zu verwerfen, gibst du sofort nach und lobst es ausgiebig. Diese Übung schult die laterale Flexibilität und bereitet dein Pferd darauf vor, der Zügelführung willig zu folgen.
Die wahre Kunst besteht darin, diese Übungen vom Boden in die tägliche Arbeit unter dem Sattel zu übertragen. Die Lösungsphase zu Beginn jeder Reiteinheit ist der perfekte Zeitpunkt dafür. Beginne im Schritt am langen oder hingegebenen Zügel. Lass dein Pferd zunächst seinen Takt finden. Nimm dann einen Zügel etwas kürzer auf und gib dieselbe feine, fragende Hilfe, die du vom Boden aus etabliert hast. Warte auf die Antwort deines Pferdes – das weiche Kauen und Nachgeben im Kiefer. Sobald es reagiert, gibst du den Zügel sofort wieder lang und lobst es. Wiederhole dies einige Male im Wechsel auf beiden Seiten. Du kannst diese kleinen „Reset-Knöpfe“ nutzen, um dein Pferd immer wieder daran zu erinnern, im Kiefer locker zu bleiben und sich nicht festzumachen. Diese kurzen Momente der „Cession de mâchoire“ helfen deinem Pferd, seine Balance zu finden und von Anfang an eine entspannte Grundhaltung einzunehmen. Wenn dies im Schritt zuverlässig funktioniert, kannst du die Übung auch in den Trab und später in den Galopp mitnehmen. Besonders auf gebogenen Linien, wie Zirkeln oder Volten, kannst du mit der inneren Hand eine feine Abkau-Hilfe geben, um die Stellung zu verbessern und dein Pferd daran zu erinnern, sich im Genick nicht festzuhalten. Es wird so zu einem selbstverständlichen Teil deiner Hilfengebung.
Der ultimative Zweck aller Abkauübungen ist es, eine reelle Vorwärts-Abwärts-Dehnung zu ermöglichen. Ein Pferd, das sich vertrauensvoll an die Reiterhand dehnt, den Hals fallen lässt und mit schwingendem Rücken taktrein vorwärtsgeht, ist das Idealbild der Losgelassenheit. Diese Haltung ist jedoch nur möglich, wenn die gesamte Oberlinie des Pferdes frei von Blockaden ist. Die Abkauübungen sind der Schlüssel, um diese Freiheit zu erlangen. Wenn Kiefer, Zunge und Genick durch die Übungen gelöst sind, ist das Pferd erst körperlich in der Lage, den Hals aus der Schulter heraus fallen zu lassen und den Rücken aufzuwölben. Die Dehnungshaltung ist also keine Position, in die du dein Pferd mit den Zügeln zwingst, sondern ein Zustand, den es freiwillig anbietet, weil es gelernt hat, dass der Kontakt zur Reiterhand angenehm und stabil sein kann. Nachdem du im Schritt oder Trab das Abkauen ausgelöst hast, bietest du deinem Pferd an, den Zügel langsam länger zu lassen („Zügel aus der Hand kauen lassen“). Ein korrekt vorbereitetes Pferd wird dieser nachgebenden Hand folgen, seine Nase nach vorne und unten bewegen und so die gesamte Rückenmuskulatur aktivieren und dehnen. Dies ist der Beweis für eine erfolgreiche gymnastizierende Arbeit, die bei der feinen Kommunikation im Pferdemaul beginnt.
| Fehler | Auswirkung | Korrektur |
|---|---|---|
| Zu viel Druck / Ungeduld | Pferd verspannt sich, drückt gegen die Hand, wird defensiv. | Hilfe als feine Vibration oder leichtes Anheben, nicht als Zug. Bei ausbleibender Reaktion Druck wegnehmen und neu, noch sanfter anfragen. |
| Falsches Timing beim Nachgeben | Pferd verknüpft die Belohnung (Druckentlastung) nicht mit seiner Aktion. | Sofortiges, vollständiges Nachgeben im exakten Moment des Kauens/Nachgebens. Sich selbst filmen kann helfen, das Timing zu überprüfen. |
| Kopf zur Seite ziehen (statt Biegung) | Pferd biegt sich im falschen Teil des Halses, kippt im Genick ab, verspannt sich. | Fokus auf eine minimale Biegung im Genick. Die Ohren müssen auf einer Höhe bleiben. Ziel ist das Sehen des inneren Auges, nicht der Ganasche. |
| Zu enges Reithalfter | Pferd kann physisch nicht kauen, die Übung ist unmöglich und führt zu Frust und Schmerz. | Immer die „Zwei-Finger-Regel“ anwenden: Zwei Finger müssen bequem zwischen Nasenriemen und Nasenrücken passen. |
Der wohl häufigste und fatalste Fehler bei der Durchführung von Abkauübungen ist die Anwendung von zu viel Kraft und die daraus resultierende Ungeduld. Viele Reiter interpretieren die Zügelhilfe als einen Befehl, dem das Pferd sofort Folge zu leisten hat. Wenn die gewünschte Reaktion ausbleibt, erhöhen sie den Druck, ziehen am Zügel oder werden ruckartig. Dieses Vorgehen ist das genaue Gegenteil des eigentlichen Ziels. Es löst beim Pferd einen Schutzreflex aus: Es spannt die Kiefermuskulatur erst recht an, drückt gegen den Schmerz oder versucht, sich der Hilfe durch Kopfschlagen oder Hochreißen des Kopfes zu entziehen. Die feine Kommunikation wird durch einen lauten Streit ersetzt. Du musst dir immer wieder bewusst machen, dass die Hilfe eine Frage sein soll: „Kannst du bitte nachgeben?“. Der Druck sollte so minimal sein, dass er kaum mehr als das Eigengewicht des Zügels beträgt. Es geht um eine mentale Verbindung, um Fühlen und Timing, nicht um Muskelkraft. Wenn dein Pferd nicht reagiert, liegt der Fehler fast immer beim Menschen. Vielleicht ist die Hilfe zu stark, zu unklar oder das Pferd hat das Konzept noch nicht verstanden. Der richtige Weg ist dann, den Druck komplett wegzunehmen, einen Moment zu warten und die Frage noch leiser und feiner zu stellen.
Ein weiterer kritischer Punkt, der über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, ist das exakte Timing der Belohnung. Bei den Abkauübungen ist die Belohnung das sofortige Nachgeben, also das Verschwinden des Zügeldrucks. Dieser Moment der Druckentlastung muss exakt in der Sekunde erfolgen, in der das Pferd die gewünschte Reaktion zeigt – sei es das erste Lecken, ein leichtes Kauen oder das Nachgeben im Genick. Wenn du auch nur eine Sekunde zu spät nachgibst, kann das Gehirn des Pferdes die Verknüpfung zwischen seiner Aktion (Kauen) und der Konsequenz (Druck verschwindet) nicht mehr herstellen. Es lernt nicht, was es tun soll, um den Druck loszuwerden. Gibst du hingegen zu früh nach, also bevor das Pferd wirklich nachgegeben hat, belohnst du möglicherweise sogar den Widerstand. Dieses präzise Timing erfordert höchste Konzentration und ein gutes Gefühl für die Reaktionen deines Pferdes. Es kann extrem hilfreich sein, dich bei den Übungen filmen zu lassen. In der Videoanalyse kannst du in Zeitlupe überprüfen, ob deine Hand wirklich im richtigen Moment nachgibt. Das Ziel ist eine fast unmerkliche Synchronisation zwischen der Reaktion des Pferdes und deiner nachgebenden Hand.
Ein weit verbreitetes Missverständnis betrifft die seitliche Biegung. Viele Reiter verwechseln eine echte, gymnastizierende Biegung im Genick mit einem simplen Herumziehen des Kopfes zur Seite. Sie ziehen am inneren Zügel, bis die Pferdenase fast die eigene Schulter berührt, und glauben, das Pferd sei nun gebogen. Tatsächlich bewirkt dies meist das Gegenteil: Das Pferd biegt sich im mittleren oder unteren Teil des Halses, was zu einer Versteifung im Genick führt. Ein typisches Anzeichen dafür ist das „Verwerfen“ oder Abkippen des Kopfes, bei dem das innere Ohr deutlich tiefer ist als das äußere. Eine korrekte Biegung (Stellung) findet jedoch nur in den ersten beiden Halswirbeln (Atlas und Axis) statt. Die Bewegung ist minimal und subtil. Der Leitsatz sollte immer sein: „Kiefer locker, bevor Biegung kommt.“ Frage zuerst das Abkauen ab. Erst wenn der Kiefer weich ist, fragst du mit einer minimalen seitlichen Zügelführung nach der Biegung im Genick. Achte darauf, dass die Ohren deines Pferdes auf gleicher Höhe bleiben. Das ist dein wichtigster visueller Kontrollpunkt. Es geht nicht um ein spektakuläres Bild, sondern um eine funktionelle, biomechanisch korrekte Lockerung, die den Weg für eine reelle Anlehnung ebnet.
Ein zu eng verschnalltes Reithalfter macht Abkauübungen unmöglich und ist tierschutzrelevant. Du musst jederzeit zwei übereinandergelegte Finger ohne Quetschen zwischen den Nasenriemen und den Nasenrücken deines Pferdes schieben können. Nur so ist die für das Kauen notwendige Kieferbewegung gewährleistet.
Obwohl die grundlegendsten Abkauübungen zunächst ohne Gebiss, nur mit den Fingern, gelehrt werden, spielt die Ausrüstung eine entscheidende Rolle, sobald du die Lektionen in die gerittene Arbeit integrieren möchtest. Die Wahl des Gebisses kann den Lernprozess für dein Pferd erleichtern oder erschweren. Für den Anfang und für die meisten Pferde ist ein einfach oder doppelt gebrochenes Trensengebiss aus einem gut akzeptierten Material die beste Wahl. Materialien wie Argentan, Aurigan oder Sensogan enthalten Kupferlegierungen, die im Kontakt mit Speichel leicht oxidieren und einen süßlichen Geschmack entfalten. Dies kann die Kautätigkeit und Speichelproduktion auf natürliche Weise anregen und die Akzeptanz des Gebisses fördern. Viel wichtiger als das Material ist jedoch die Passform. Das Gebiss muss breit genug sein, um die Maulwinkel nicht einzuklemmen, aber auch nicht so breit, dass es im Maul hin und her rutscht. Die Dicke sollte zum Platzangebot im Pferdemaul passen – ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass dicker immer weicher ist. Ein zu dickes Gebiss kann in einem zierlichen Maul sehr unangenehm sein und das Schließen des Mauls behindern. Letztendlich ist aber die Reiterhand das entscheidende Instrument. Selbst das teuerste, anatomisch geformte Gebiss wird zur Waffe in einer harten oder unruhigen Hand, während eine fühlende Hand auch mit einem einfachen Gebiss Wunder wirken kann.
Von absolut kritischer Bedeutung für den Erfolg von Abkauübungen ist die korrekte Verschnallung des Reithalfters. Ein zu eng geschnallter Nasenriemen ist der direkte Gegenspieler zur Losgelassenheit im Kiefer. Er fixiert den Unterkiefer und macht es dem Pferd physisch unmöglich, die gewünschte Kaubewegung auszuführen. Stell dir vor, jemand würde deinen Kiefer zusammenbinden und dich dann auffordern, ihn locker zu lassen – ein absurdes und frustrierendes Unterfangen. Genau das passiert bei einem zu festen Reithalfter. Die oft zitierte „Zwei-Finger-Regel“ ist hier keine vage Empfehlung, sondern eine zwingende Notwendigkeit. Du musst jederzeit zwei Finger bequem zwischen Nasenriemen und Nasenrücken deines Pferdes schieben können. Dies gewährleistet den nötigen Spielraum für die feinen Bewegungen des Unterkiefers. Die Art des Reithalfters spielt ebenfalls eine Rolle. Ein englisches oder kombiniertes Reithalfter, korrekt verschnallt, stabilisiert die Lage des Gebisses, ohne die Kautätigkeit zu unterbinden. Ein schwedisches Reithalfter mit seiner Umlenkverschnallung birgt hingegen eine hohe Gefahr, zu fest angezogen zu werden und sollte nur von sehr erfahrenen Reitern mit viel Gefühl verwendet werden. Für die Abkauübungen ist weniger oft mehr: Ein locker verschnalltes, passendes Reithalfter ist die beste Unterstützung.
Im Kontext von Losgelassenheit und Anlehnung taucht oft die Frage nach Hilfszügeln auf. Hilfsmittel wie Ausbinder, Dreiecks- oder Laufferzügel werden häufig mit dem Ziel eingesetzt, dem Pferd den Weg in die Dehnungshaltung zu zeigen. Hier ist jedoch größte Vorsicht geboten, insbesondere in Verbindung mit Abkauübungen. Hilfszügel wirken oft statisch oder mechanisch und können das Pferd in eine äußere Form zwingen, ohne dass die innere Losgelassenheit vorhanden ist. Wenn ein Pferd beispielsweise mit zu kurzen Ausbindern longiert wird, lernt es nicht, auf eine feine Hilfe hin im Kiefer nachzugeben. Stattdessen lernt es, sich gegen einen konstanten Druck abzustützen oder sich dahinter zu verkriechen. Dies führt zu einer falschen Halshaltung (häufig mit dem Genick als nicht höchstem Punkt) und massiven Verspannungen. Abkauübungen hingegen lehren das Pferd den aktiven, bewussten Prozess des Nachgebens. Sie sind ein Dialog. Erst wenn ein Pferd diesen Dialog verstanden hat und auf eine feine Handhilfe hin willig nachgibt, kann ein sehr locker verschnallter Hilfszügel (z.B. ein Dreieckszügel beim Longieren) ihm helfen, diese Haltung über einen längeren Zeitraum zu finden. Die manuelle Abkauübung ist jedoch immer die Grundlage und das weitaus präzisere und pferdefreundlichere Werkzeug, um reelle Losgelassenheit zu erarbeiten.
Medizinischer Hinweis: Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Gesundheitsfragen immer einen qualifizierten Arzt. Ändern Sie niemals eigenständig Ihre Medikation oder Behandlung.
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