Erfahre alles über die natürliche Schiefe des Pferdes: Ursachen, Erkennungsmerkmale und effektive Übungen zur Geraderichtung für ein gesundes Reitpferd.

Fast jeder Reiter hat es schon einmal erlebt: Das Pferd biegt sich auf einer Hand leichter als auf der anderen, drängelt im Galopp nach innen oder fühlt sich auf einer Geraden an, als würde die Hinterhand leicht versetzt laufen. Dieses Phänomen ist als die „natürliche Schiefe“ bekannt und ist keine Schwäche oder ein Ausbildungsfehler, sondern eine angeborene Eigenschaft fast jedes Pferdes. Ähnlich wie Menschen Rechts- oder Linkshänder sind, haben auch Pferde eine bevorzugte Körperseite. Diese angeborene Asymmetrie bedeutet, dass die Muskulatur auf beiden Körperhälften nicht identisch entwickelt ist. In der Regel hat ein Pferd eine „hohle Seite“ und eine „steife“ oder „lange Seite“. Auf der hohlen Seite ist die Rumpfmuskulatur tendenziell kürzer und kontraktionsfreudiger, während sie auf der langen Seite eher gedehnt und weniger aktiv ist. Das Ziel der gesamten Pferdeausbildung, zusammengefasst im Begriff der „Geraderichtung“, ist es, diese natürliche Asymmetrie durch gezielte Gymnastizierung auszugleichen. Ein geradegerichtetes Pferd kann sein Gewicht gleichmäßig auf alle vier Gliedmaßen verteilen, sich in beide Richtungen gleich gut biegen und mit der Hinterhand spurgenau in die Hufabdrücke der Vorhand treten. Dies ist die Grundvoraussetzung für eine gesunde und leistungsfähige Reitpferdekarriere.
Die natürliche Schiefe manifestiert sich in vielfältiger Weise. Auf der hohlen Seite fällt es dem Pferd leichter, sich zu biegen, es neigt aber auch dazu, über die äußere Schulter „wegzulaufen“ und sich im Hals zu überbiegen. Die Hinterhand weicht auf dieser Seite gerne nach außen aus. Auf der steifen Seite hingegen widersetzt sich das Pferd der Biegung. Es fühlt sich fest an, drängt oft mit der Schulter nach innen und verkürzt den Hals, anstatt ihn im Genick nachzugeben. Diese Asymmetrie führt dazu, dass das Pferd unter dem Reitergewicht instinktiv versucht, sein Gleichgewicht zu halten, indem es mehr Gewicht auf eine Vorhand verlagert – meist die der hohlen Seite. Dies führt zu einer ungleichen Belastung von Gelenken, Sehnen und Bändern und kann langfristig zu Verschleißerscheinungen und Lahmheiten führen. Eine Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien ergab, dass rund 75 % der untersuchten Pferde eine messbare Asymmetrie in der Schulterpartie aufweisen, was die Allgegenwart dieses Themas unterstreicht. Die Geraderichtung ist daher kein optionales Extra für Dressurreiter, sondern ein fundamentaler Baustein für die Gesunderhaltung jedes Reitpferdes, unabhängig von der Disziplin.
Es ist wichtig, die angeborene, natürliche Schiefe von einer erworbenen Schiefe zu unterscheiden, auch wenn die Grenzen fließend sein können. Eine erworbene Schiefe kann durch verschiedene Faktoren verursacht oder verstärkt werden. Dazu gehören Schmerzen, beispielsweise durch unpassende Ausrüstung wie einen drückenden Sattel, Zahnprobleme, die zu einer einseitigen Kopfhaltung führen, oder Blockaden in der Wirbelsäule. Auch einseitiges Training oder die eigene Schiefe des Reiters können die Asymmetrie des Pferdes negativ beeinflussen. Ein Reiter, der selbst schief sitzt, ungleichmäßig mit den Schenkeln einwirkt oder an einem Zügel stärker zieht, zwingt das Pferd in eine Kompensationshaltung, die die natürliche Schiefe verstärkt. Daher ist die Geraderichtung ein ganzheitlicher Prozess, der nicht nur das Pferd, sondern auch den Reiter, die Ausrüstung und das gesamte Management umfasst. Das Erkennen der Ursachen ist der erste Schritt, um dem Pferd zu helfen, zu einem ausbalancierten und symmetrisch bemuskelten Athleten zu werden, der das Reitergewicht ohne gesundheitliche Schäden tragen kann.
Die tiefgreifendsten Ursachen für die natürliche Schiefe des Pferdes sind in seiner Anatomie und Physiologie verankert. Ein wesentlicher Faktor ist die asymmetrische Anordnung der inneren Organe im Rumpf des Pferdes. Der größte Teil des Verdauungstrakts befindet sich nicht mittig, sondern lastet ungleichmäßig auf den Körperhälften. Besonders der riesige Blinddarm (Caecum), der ein Fassungsvermögen von 30 bis 70 Litern haben kann, liegt überwiegend auf der rechten Körperseite. Dieses erhebliche Gewicht führt zu einer permanenten, leichten Verschiebung des Körperschwerpunkts. Das Pferd muss diese Dysbalance muskulär ausgleichen, was über Jahre hinweg zu einer einseitig stärker ausgeprägten Muskulatur führt. Die meisten Pferde entwickeln dadurch eine Hohlheit auf der rechten Seite, da die Muskulatur dort versucht, dem Gewicht entgegenzuwirken und sich dabei verkürzt. Folglich wird die linke Seite zur steifen, überdehnten Seite. Diese anatomische Gegebenheit ist der Grund, warum die Geraderichtung ein lebenslanger Prozess ist; man kann die Position der Organe nicht ändern, aber man kann dem Pferd beibringen, diese angeborene Imbalance durch Kraft, Koordination und Geschmeidigkeit auszugleichen.
Neben den anatomischen Gegebenheiten spielt auch die neurologische Lateralität eine entscheidende Rolle. Ähnlich der Händigkeit beim Menschen besitzen Pferde eine funktionale Dominanz einer Gehirnhälfte, die die motorischen und sensorischen Fähigkeiten der gegenüberliegenden Körperhälfte steuert. Dies führt zu einer bevorzugten „Händigkeit“ oder „Füßigkeit“. Ein „rechtshändiges“ Pferd wird beispielsweise bevorzugt das rechte Vorderbein und das rechte Hinterbein für komplexere oder kraftvollere Aktionen nutzen. Dies zeigt sich oft schon im Fohlenalter, etwa bei der bevorzugten Seite, auf der es galoppiert, oder bei der Wahl des Vorderbeins, das es beim Grasen nach vorne stellt. Manche Theorien bringen sogar die Wuchsrichtung des Stirnwirbels mit der Händigkeit in Verbindung. Diese neurologische Präferenz führt zu einer asymmetrischen Entwicklung des Nervensystems und der Muskulatur. Das Pferd lernt von Geburt an, eine Körperhälfte geschickter und koordinierter einzusetzen, während die andere eher für Stabilität und Schubkraft zuständig ist. Die Ausbildung muss darauf abzielen, die nicht-dominante Seite zu „wecken“ und zu schulen, um eine beidseitige Geschicklichkeit und Kraftentfaltung zu ermöglichen.
Die Kombination aus anatomischer und neurologischer Asymmetrie hat direkte biomechanische Konsequenzen. Ein schiefes Pferd tritt mit seiner Hinterhand nicht exakt in die Spur der Vorhand. Stattdessen weicht die Hinterhand meist zur steifen Seite hin aus. Um trotzdem geradeaus zu schauen, muss das Pferd seinen Hals und Kopf leicht in Richtung der hohlen Seite biegen. Der Hals fungiert dabei als Balancierstange. Ohne Reiter kann das Pferd dieses Ungleichgewicht relativ gut kompensieren. Sobald jedoch das zusätzliche Gewicht des Reiters hinzukommt, wird das System instabil. Das Pferd neigt dazu, auf die innere Schulter der hohlen Seite zu fallen, um das Gleichgewicht wiederzufinden. Dies führt zu einer Überlastung dieser Schulter und macht eine korrekte Biegung und Lastaufnahme mit der Hinterhand unmöglich. Man spricht oft von einem stärker schiebenden und einem eher tragenden Hinterbein. Das Ziel der Geraderichtung ist es, beide Hinterbeine zu befähigen, gleichermaßen zu schieben und zu tragen, sodass das Pferd „durch den Körper“ schwingen und sich ausbalanciert bewegen kann.
Die natürliche Schiefe eines Pferdes zu erkennen, erfordert ein geschultes Auge und ein feines Gefühl. Bereits vom Boden aus lassen sich viele Hinweise finden. Stelle dein Pferd auf ebenem, festem Untergrund möglichst geschlossen auf und betrachte es von vorne und von hinten. Oft ist eine Schulter muskulöser und stärker ausgeprägt als die andere. Laut Sattelkundigen besitzen etwa 70 % der Pferde eine muskulär stärkere linke Schulter. Betrachte auch die Kruppenmuskulatur – ist sie auf beiden Seiten gleichmäßig entwickelt? Ein weiterer Indikator ist die Hufstellung und -form. Ein ungleichmäßig belasteter Hufstrahl oder eine steilere und eine flachere Hufwand können auf eine asymmetrische Gewichtsverteilung hindeuten. Lasse dein Pferd anschließend auf gerader Linie von dir weg und auf dich zu traben. Achte darauf, ob die Hinterhufe exakt in die Spur der Vorderhufe treten oder ob die Hinterhand konstant leicht nach links oder rechts versetzt ist. Beim Longieren wird die Schiefe oft noch deutlicher: Auf einer Hand (meist der steifen Seite) läuft das Pferd über die äußere Schulter weg und vergrößert den Zirkel, während es auf der anderen Hand (der hohlen Seite) dazu neigt, nach innen zu fallen und sich im Hals zu stark zu biegen.
Unter dem Sattel wird die Schiefe für den Reiter direkt spürbar. Das häufigste Gefühl ist, dass das Pferd auf eine Schulter „fällt“ oder mit ihr „wegläuft“. Auf der hohlen Seite fühlt es sich an, als würde man ständig den äußeren Zügel aufnehmen müssen, um das Pferd auf der Linie zu halten. Wendungen in diese Richtung sind einfach, aber das Pferd neigt zum Überbiegen und Ausfallen der Hinterhand. Reitet man hingegen auf der steifen Seite, fühlt sich das Pferd oft fest an, widersetzt sich der Biegung und drängt mit der inneren Schulter nach innen. Der Reiter hat das Gefühl, gegen eine Wand zu reiten und muss mit dem inneren Schenkel stark treiben, um das Pferd auf dem Zirkel zu halten. Viele Reiter bemerken auch, dass sie selbst schief sitzen, ein Steigbügel sich kürzer anfühlt oder sie in einer Hüfte einknicken. Dies ist oft eine direkte Reaktion auf die Schiefe des Pferdes, da der Reiter unbewusst versucht, die Dysbalance auszugleichen. Auch die Anlehnung ist ein wichtiger Indikator: Ein schiefes Pferd nimmt das Gebiss oft ungleich an, ist auf einer Seite fester oder versucht, sich dem Kontakt durch Kopfschiefhaltung zu entziehen.
Neben den direkten Anzeichen beim Reiten und Führen gibt es auch sekundäre Indikatoren, die auf ein tiefgreifendes Schiefe-Problem hindeuten können. Ein Sattel, der konsequent zu einer Seite rutscht, ist ein klassisches Warnsignal. Eine britische Untersuchung zeigte, dass bei 54 % der Pferde mit einer diagnostizierten Hinterhandlahmheit auch ein Rutschen des Sattels beobachtet wurde. Dies zeigt den engen Zusammenhang zwischen Asymmetrie, Schmerz und Ausrüstungsproblemen. Wiederkehrende Rückenverspannungen, unklare Taktfehler oder eine generelle Widersetzlichkeit gegenüber bestimmten Lektionen können ebenfalls ihre Ursache in einer nicht bearbeiteten Schiefe haben. Wenn ein Pferd beispielsweise auf einer Hand immer im Außengalopp anspringt, liegt das selten an Ungehorsam, sondern meist daran, dass es ihm biomechanisch unmöglich ist, sich korrekt auszubalancieren und das „richtige“ Hinterbein für den Handgalopp zu belasten. Ein aufmerksamer Pferdebesitzer lernt, diese Puzzleteile zusammenzusetzen und die Schiefe nicht als isoliertes Trainingsproblem, sondern als zentrales Thema für die Gesundheit und das Wohlbefinden seines Pferdes zu verstehen.
Die Geraderichtung ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Sie beginnt mit den absoluten Grundlagen und zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ausbildung. Der erste und wichtigste Baustein ist das Reiten auf gebogenen Linien in korrekter Biegung. Auf großen Zirkeln, in den Ecken der Reitbahn und auf Schlangenlinien lernt das Pferd, seinen Körper entlang einer gekrümmten Linie auszurichten. Das entscheidende Konzept hierbei ist das Reiten „vom inneren Schenkel zum äußeren Zügel“. Der innere Schenkel liegt am Gurt und aktiviert das innere Hinterbein, damit es vermehrt unter den Schwerpunkt tritt. Der äußere Zügel dient als Begrenzung; er fängt die äußere Schulter ab und verhindert, dass das Pferd über sie ausfällt. Der innere Zügel gibt lediglich die Stellung vor und sorgt für Nachgiebigkeit im Genick, darf aber niemals rückwärts ziehen. Ein aktives Vorwärtsreiten ist dabei unerlässlich, denn nur aus einer fleißigen Vorwärtsbewegung heraus kann das Pferd seinen Rücken aufwölben und die Hilfen des Reiters durch seinen Körper fließen lassen. Ziel ist es, die hohle Seite zu dehnen und die steife Seite zu aktivieren und zur Biegung zu animieren.
Sobald das Pferd die Hilfengebung auf gebogenen Linien verstanden hat, sind Seitengänge das wichtigste Werkzeug zur weiteren Gymnastizierung. Eine hervorragende vorbereitende Übung ist das Schenkelweichen. Hierbei wird das Pferd vom Schenkel des Reiters seitwärts bewegt, wobei es leicht gegen die Bewegungsrichtung gestellt ist. Das Pferd lernt so, die seitwärts treibenden Hilfen zu verstehen und seine Beine zu kreuzen. Eine Stufe anspruchsvoller und gymnastizierend wertvoller ist das Schultervor. Es gilt als die „Mutter aller geraderichtenden Lektionen“. Dabei wird die Vorhand des Pferdes so weit ins Bahninnere geführt, dass der innere Hinterhuf in die Spur des äußeren Vorderhufs tritt. Das Pferd bewegt sich also auf vier Spuren. Diese leichte Abstellung von der Geraden zwingt das innere Hinterbein, weiter unter den Körperschwerpunkt zu treten und mehr Last aufzunehmen. Gleichzeitig wird die oft überlastete äußere Schulter entlastet und der Reiter bekommt eine bessere Kontrolle über sie. Schultervor kann sowohl auf geraden als auch auf gebogenen Linien geritten werden und ist ein universelles Werkzeug, um das Pferd vor sich zu haben und auf die Hinterhand zu bringen.
Für fortgeschrittene Reiter und Pferde kommen dann die etablierten Seitengänge wie Schulterherein, Travers (Kruppeherein) und Renvers (Kruppeheraus) ins Spiel. Das Schulterherein ist eine Weiterentwicklung des Schultervor und wird auf drei Hufschlaglinien geritten. Es fördert in hohem Maße die Beugung der Gelenke des inneren Hinterbeins und dehnt die gesamte Muskulatur der Körperaußenseite. Es ist eine der effektivsten Übungen, um die Tragkraft der Hinterhand zu entwickeln. Travers und Renvers hingegen sind Lektionen, bei denen die Hinterhand des Pferdes ins Bahninnere bzw. -äußere verschoben wird, während die Vorhand auf dem Hufschlag bleibt. Diese Übungen verbessern die Geschmeidigkeit in der Lendenpartie, die Kontrolle über die Hinterhand und die Fähigkeit des Pferdes, sich um den inneren Schenkel des Reiters zu biegen. Der stetige Wechsel zwischen diesen verschiedenen Lektionen, kombiniert mit Übergängen und Tempounterschieden, wirkt wie ein gezieltes Fitnessprogramm für den Pferdekörper. Es löst Blockaden, baut symmetrische Muskulatur auf und führt schlussendlich zu einem Pferd, das in sich ausbalanciert, durchlässig und auf beiden Händen gleichermaßen rittig ist.
| Lektion | Hufschlagfiguren (Spuren) | Gymnastischer Zweck | Schwierigkeitsgrad |
|---|---|---|---|
| Schenkelweichen | 2 Spuren (Pferd ist gegen die Bewegungsrichtung gestellt) | Gehorsam für den seitwärts treibenden Schenkel, Mobilisation der Schulter, Vorübung für Seitengänge. | Einfach |
| Schultervor | 4 Spuren (Vorhand leicht nach innen versetzt) | Aktivierung des inneren Hinterbeins, Kontrolle über die äußere Schulter, Vorbereitung für Versammlung. | Mittel |
| Schulterherein | 3 Spuren (Pferd ist gebogen und abgestellt) | Starke Dehnung der Außenseite, Förderung der Hankenbeugung des inneren Hinterbeins, Verbesserung der Längsbiegung. | Anspruchsvoll |
| Travers (Kruppeherein) | 4 Spuren (Hinterhand nach innen versetzt, Pferd in Bewegungsrichtung gebogen) | Verbesserung der Biegung in der Lendenpartie, Aktivierung des äußeren Hinterbeins, Vorbereitung für Pirouetten. | Anspruchsvoll |
Einer der fundamentalsten und am weitesten verbreiteten Fehler beim Versuch, ein Pferd geradezurichten, ist der falsche Einsatz der Reiterhilfen, insbesondere der Hände. Viele Reiter versuchen instinktiv, die Schiefe durch Ziehen am Zügel zu korrigieren. Fällt das Pferd beispielsweise über die linke Schulter, wird am rechten Zügel gezogen, um es „zurückzuholen“. Dieser Ansatz ist jedoch fatal. Er blockiert die Bewegung des Pferdes, führt zu Verspannungen im Hals und Genick und bekämpft nur das Symptom, nicht die Ursache. Ein Pferd kann nur dann gerade werden, wenn es lernt, seine Balance aus der Hinterhand und einer stabilen Rumpfmuskulatur zu finden. Das Ziehen am Zügel verhindert genau das. Die korrekte Vorgehensweise ist, die ausbrechende Schulter mit dem äußeren Zügel nur passiv zu begrenzen, während der innere Schenkel das innere Hinterbein aktiviert und der äußere Schenkel verwahrend das Ausweichen der Hinterhand verhindert. Die Hände des Reiters sollten weich bleiben und die Bewegung nach vorne erlauben. Ein weiterer häufiger Fehler ist die eigene Schiefe des Reiters. Ein Reiter, der in der Hüfte einknickt, ein Bein hochzieht oder die Schultern verdreht, kann unmöglich ein Pferd geraderichten. Er gibt permanent widersprüchliche Hilfen und verstärkt die Dysbalance des Pferdes. Daher ist die Arbeit am eigenen Sitz, beispielsweise durch Sitzlongen oder gezieltes Fitnesstraining, eine unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiches Geraderichten.
Im methodischen Aufbau des Trainings lauern ebenfalls viele Fallstricke. Ein häufiger Fehler ist das übermäßige Fokussieren auf die „schlechte“ oder steife Seite. Reiter neigen dazu, die steife Seite mit viel Kraft und Druck bearbeiten zu wollen, um eine Biegung zu erzwingen. Dies führt jedoch meist nur zu noch mehr Widerstand und Verspannung. Gleichzeitig wird die hohle Seite vernachlässigt, auf der das Pferd zwar leicht nachgibt, aber oft nicht reell über den Rücken arbeitet. Ein ausbalancierter Trainingsansatz ist entscheidend. Die Arbeit an der hohlen Seite zielt darauf ab, die überdehnten äußeren Muskeln zu aktivieren und das Pferd zu lehren, sich an den äußeren Zügel heranzudehnen, anstatt sich nur im Hals zu verbiegen. Die Arbeit an der steifen Seite hingegen zielt auf Dehnung und Mobilisierung ab, was oft besser durch Konterstellung und lösende Übungen erreicht wird als durch frontalen Zwang. Ein weiterer methodischer Fehler ist das zu schnelle Vorgehen. Viele Reiter wollen sofort mit anspruchsvollen Seitengängen beginnen, ohne dass die Grundlagen – Takt, Losgelassenheit und Anlehnung – gefestigt sind. Ohne ein losgelassen vorwärts gehendes Pferd, das vertrauensvoll an die Hand herantritt, ist jede geraderichtende Übung zum Scheitern verurteilt und erzeugt nur Frust auf beiden Seiten.
Ein dritter Bereich, in dem Fehler gemacht werden, ist das Ignorieren der biomechanischen Zusammenhänge. Geraderichtung wird oft als rein mechanischer Prozess missverstanden, bei dem man nur die richtigen „Knöpfe“ drücken muss. Man vergisst dabei, dass man es mit einem Lebewesen zu tun hat, dessen Körper Zeit braucht, um Muskulatur aufzubauen und neue Bewegungsmuster zu erlernen. Zu lange oder zu intensive Trainingseinheiten, besonders mit neuen, anstrengenden Lektionen, können zu Überforderung, Muskelkater und einer negativen Einstellung des Pferdes zur Arbeit führen. Es ist wichtig, die Übungen in kurzen Reprisen in das tägliche Training zu integrieren und dem Pferd genügend Pausen im Schritt am langen Zügel zu gönnen. Außerdem wird oft der Fehler gemacht, die Geraderichtung als isoliertes Dressurthema zu betrachten. Aber auch beim Springen, im Gelände oder bei der Bodenarbeit spielt die Balance und Koordination eine riesige Rolle. Ein schiefes Pferd wird Schwierigkeiten haben, einen Sprung gerade anzureiten und auszubalancieren. Abwechslungsreiches Training, das auch Stangenarbeit, Klettern im Gelände oder Freispringen einschließt, kann die Körperwahrnehmung und Koordination des Pferdes auf vielfältige Weise fördern und so den Prozess der Geraderichtung unterstützen, ohne das Pferd mental zu ermüden.
Der Reiter ist der entscheidende Faktor im Prozess der Geraderichtung. Ein Pferd kann sich unter dem Reiter nur so gut ausbalancieren, wie der Reiter selbst im Gleichgewicht ist. Die eigene Schiefe des Reiters, die jeder Mensch in gewissem Maße besitzt, überträgt sich direkt auf das Pferd. Ein Reiter, der beispielsweise unbewusst mehr Gewicht auf seinen rechten Gesäßknochen verlagert, veranlasst das Pferd, sich unter diesem Gewicht auszubalancieren, was oft zu einem Ausweichen der Schulter oder Hinterhand führt. Schon ein Beinlängenunterschied von nur 0,5 cm kann zu einer leichten Verdrehung des Beckens führen, die sich im Sattel fortsetzt. Messungen haben gezeigt, dass ein schiefer Reitersitz eine Druckdifferenz von 20-30 % unter dem Sattel verursachen kann, was nicht nur die Geraderichtung unmöglich macht, sondern auch zu schmerzhaften Druckstellen beim Pferd führt. Deshalb ist die kontinuierliche Arbeit am eigenen Sitz von immenser Bedeutung. Regelmäßige Sitzschulungen an der Longe bei einem qualifizierten Trainer sind Gold wert. Hier kann sich der Reiter voll und ganz auf seinen Körper konzentrieren, ohne sich um die Einwirkung auf das Pferd kümmern zu müssen. Videoanalysen des eigenen Reitens können ebenfalls sehr aufschlussreich sein, um festgefahrene Muster zu erkennen. Ergänzend dazu helfen Sportarten wie Yoga, Pilates oder gezielte Physiotherapie, die eigene Körperwahrnehmung, Beweglichkeit und Rumpfstabilität zu verbessern und so zu einem ausbalancierten und fairen Partner für das Pferd zu werden.
Neben dem Reiter spielt die Ausrüstung, allen voran der Sattel, eine Hauptrolle. Ein unpassender Sattel kann jede Bemühung zur Geraderichtung im Keim ersticken. Liegt der Sattel im Schwerpunkt nicht korrekt, bringt er den Reiter automatisch in einen falschen Sitz. Ist er zu eng, blockiert er die Bewegung der Schulter oder des Rückens und zwingt das Pferd in eine Ausweichhaltung. Ein besonders häufiges Problem im Zusammenhang mit der Schiefe ist ein Sattel, der permanent zu einer Seite rutscht. Dies ist oft ein Symptom der Asymmetrie des Pferdes – die weniger bemuskelte Seite bietet dem Sattel weniger „Halt“, sodass er dorthin rutscht. Ein guter Sattler muss diese Asymmetrie erkennen und den Sattel entsprechend anpassen, beispielsweise durch eine gezielte Polsterung, um die fehlende Muskulatur auszugleichen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, ein Sattel müsse für immer perfekt passen. Die Muskulatur des Pferdes verändert sich durch Training, Alter und Fütterung. Insbesondere durch geraderichtende Gymnastik verändert sich der Pferdekörper positiv. Daher ist eine professionelle Kontrolle der Sattelpassform mindestens einmal jährlich, bei Pferden im Aufbau auch öfter, absolut unerlässlich. Ein Sattel, der dem Reiter genügend Bewegungsfreiheit lässt, wie etwa ein Modell mit einem flacheren Sitz und weniger ausgeprägten Pauschen, kann es dem Reiter zudem erleichtern, seine eigene Schiefe zu korrigieren und feiner einzuwirken.
Auch wenn der Sattel im Fokus steht, dürfen andere Ausrüstungsgegenstände und externe Fachleute nicht vernachlässigt werden. Ein unpassendes Gebiss oder ein drückendes Reithalfter können das Pferd dazu veranlassen, den Kopf schief zu halten und sich im Genick zu verwerfen, was eine korrekte Anlehnung und Biegung unmöglich macht. Regelmäßige Zahnkontrollen durch einen Pferdedentalpraktiker sind ebenfalls Pflicht, da scharfe Kanten oder Haken im Maul zu Schmerzen und damit zu Abwehrreaktionen und Schiefhaltungen führen. Ein weiterer wichtiger Partner ist der Hufschmied oder Hufbearbeiter. Die Hufe sind das Fundament des Pferdes. Eine ungleiche Belastung durch die Schiefe führt zu asymmetrischem Hufwachstum und -abrieb. Ein kompetenter Hufbearbeiter kann dies erkennen und durch eine korrekte Hufbalance den geraderichtenden Prozess unterstützen und Folgeschäden am Bewegungsapparat vorbeugen. Letztendlich ist die Geraderichtung eine Teamleistung. Der Reiter, der Trainer, der Sattler, der Tierarzt, der Hufschmied und der Physiotherapeut müssen Hand in Hand arbeiten. Ein guter Trainer ist dabei der Dirigent, der die verschiedenen Aspekte im Blick hat und dem Reiter einen klaren, pferdegerechten Weg aufzeigt, um das gemeinsame Ziel zu erreichen: ein gesundes, ausbalanciertes und durchlässiges Pferd, das Freude an der gemeinsamen Bewegung hat.
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Weitere wichtige Informationen zum Thema
Ein unpassender Sattel kann tatsächlich eine sogenannte erworbene Schiefe verursachen. Wenn der Sattel beispielsweise einseitig auf die Muskulatur drückt, wird das Pferd versuchen, dem Schmerz durch eine Ausweichbewegung zu entfliehen. Über längere Zeit führt diese Schonhaltung dazu, dass Muskelgruppen einseitig verkümmern oder sich verspannen, was das Pferd asymmetrisch werden lässt, selbst wenn es von Natur aus weniger schief wäre.
Regelmäßige Kontrollen durch einen Sattler sind daher essenziell. Ein Sattel, der aufgrund der natürlichen Schiefe beginnt zu rutschen, verfestigt das Problem in einem Teufelskreis: Er drückt auf die Seite, zu der er rutscht, und verhindert so, dass das Pferd dort Muskulatur aufbauen kann, die es für die Geraderichtung dringend benötigen würde.
Es gibt keinen festen Zeitrahmen, da die Geraderichtung ein lebenslanger Gymnastizierungsprozess ist. Erste deutliche Verbesserungen in der Balance und Anlehnung lassen sich bei konsequentem Training oft nach drei bis sechs Monaten feststellen. In dieser Zeit beginnt die Muskulatur, sich umzubauen und das Pferd lernt, seine Hinterhand gezielter unter den Schwerpunkt zu setzen.
Man muss sich jedoch bewusst machen, dass die natürliche Schiefe aufgrund der anatomischen Gegebenheiten (wie der Organlage) niemals völlig verschwindet. Sobald das Training vernachlässigt wird oder Pausen entstehen, fällt das Pferd oft in seine alte Schiefe zurück. Es ist also eine Daueraufgabe, die bei jedem Ritt präsent sein sollte.
Die Schiefe des Reiters ist oft genauso ausgeprägt wie die des Pferdes. Die meisten Menschen sind Rechtshänder und haben eine stärkere Körperseite, was dazu führt, dass sie unbewusst auf einer Hand fester einwirken, in der Hüfte einknicken oder mehr Gewicht auf einen Gesäßknochen verlagern. Das Pferd spürt diese minimale Gewichtsverlagerung sofort und versucht, sie durch Ausweichen zu kompensieren.
Um ein Pferd wirklich geradezurichten, muss der Reiter zwingend an seiner eigenen Symmetrie arbeiten. Yoga, Sitzschulungen an der Longe oder Physiotherapie für den Reiter sind oft genauso wichtig wie die Lektionen für das Pferd, da ein schiefer Reiter ein gerades Pferd innerhalb kürzester Zeit wieder in eine Fehlhaltung drängen kann.
Ja, osteopathische und physiotherapeutische Behandlungen sind eine hervorragende Ergänzung zum Training. Ein Therapeut kann Blockaden in der Wirbelsäule oder im Becken lösen, die das Pferd physisch daran hindern, sich auf der steifen Seite korrekt zu biegen. Da schiefe Pferde oft zu einseitigen Muskelverspannungen neigen, helfen Massagen und Faszientherapie, die Geschmeidigkeit auf der hohlen Seite wiederherzustellen.
Auch Akupunktur kann helfen, den Energiefluss zu harmonisieren und chronische Verspannungsmuster aufzubrechen. Diese Maßnahmen ersetzen jedoch nicht das Training: Die Therapie schafft lediglich die körperliche Voraussetzung, damit das Pferd in der Lage ist, die gymnastizierenden Übungen des Reiters korrekt auszuführen.
Grundsätzlich ist jedes Pferd schief, unabhängig von der Rasse. Allerdings zeigen barocke Pferderassen wie Andalusier oder Lusitanos die Schiefe oft deutlicher durch ein starkes Ausweichen der Hinterhand, da sie meist über eine hohe Hankenbeugung und Mobilität verfügen. Schwere Kaltblüter wirken oft eher 'steif' und zeigen die Schiefe durch massives Drängeln über die Schulter.
Bei Pferden mit sehr langem Rücken, wie man sie oft in der Warmblutzucht findet, ist die Schiefe manchmal schwieriger zu erfühlen, hat aber oft gravierendere Auswirkungen auf die Stabilität der Wirbelsäule. Unabhängig von der Rasse gilt: Je früher mit einer korrekten, gymnastizierenden Ausbildung begonnen wird, desto weniger negative gesundheitliche Folgen hat die Schiefe im Alter.

Pferdeliebhaberin seit Kindertagen und Autorin auf pferdekumpel.de. Lisa vereint ihre langjährige Erfahrung als Reiterin und Pferdebesitzerin mit fundiertem Wissen über artgerechte Haltung, Pferdegesundheit und Reitsport. Als Fachautorin und passionierte Dressurreiterin liegt ihr Fokus auf praxisnaher Wissensvermittlung — von der richtigen Ausrüstung über Pferdeernährung bis hin zu Trainingstipps für Reiter aller Levels.
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